Wir müssen über Suizid sprechen

Eigentlich sind die Themen auf meinem Blog eher leicht und sollen zur Reflexion anregen. Zum Nachdenken, zum Optimieren, aber normalerweise in eine positivere Richtung. Heute bringe ich ein Thema mit, das schwer wiegt. Und zwar das Thema Suizid.

Heute Abend habe ich einen Roman fertig gelesen. Unter anderem wurde dort vom Suizid eines US-Veteran berichtet, der die Last nach seiner Rückkehr in seine Heimat nicht mehr tragen konnte und sein Leben beendet hat. Die Autorin sprach immer wieder von Selbstmord. Das hat mich nachdenklich gemacht. Denn ich habe mich an einen Podcast erinnert, der sich mit dem Thema Sterbehilfe beschäftigt und hierbei auch den Begriff Selbstmord eingeordnet hat.

Beendet ein Menschen sein Leben, sprechen wir als Gesellschaft schnell von Selbstmord. Dabei stellt Mord einen Straftatbestand dar und wird im gesetzlichen Sinne verwendet, wenn ein Mensch einen anderen Menschen tötet. Für mich trägt dieser Begriff daher weiter zur Stigmatisierung bei und enthält eine Wertung.

Als Mental Health First Aid bin ich dazu ausgebildet, in Krisensituationen einen Menschen gezielt darauf anzusprechen, ob er Gedanken oder die Absicht hat, sich selbst zu töten. Ohne Umschweife, ohne Rumdrucksen, ohne Beschönigen. Denn es handelt sich um eine potentiell lebensbedrohliche Situationen für diesen Menschen. Einen Menschen, der voller Verzweiflung ist und nicht mehr weiter weiß. Da braucht es klare Worte. Ist es schwer, diese Frage zu stellen? Ja. Aber sie ist notwendig, um Menschenleben retten zu können. Gleichzeitig ist meine Abgrenzung wichtig, je nachdem, welche Rolle ich erfülle. Im beruflichen Kontext ist es meine Aufgabe, die entsprechende Hilfe zu vermitteln, in diesem Fall die Alarmierung des Notdienstes und Betreuung der Person, bis ich sie in fachmännische Hände weitergeben kann. Im privaten Kontext wäre meine Grenze hier weitaus anders.

Sprechen wir in der Gesellschaft über psychische Erkrankungen, müssen wir auch über das Thema Suizid sprechen. Denn auch, wenn man nicht täglich in den Medien mit dem Thema konfrontiert ist, sterben in Deutschland täglich (!) Menschen durch einen Suizid. Und dann dürfen wir nicht sagen „Er hatte doch so ein gutes Leben“ oder „Hat sie eigentlich mal an ihre Familie gedacht, wie denen es jetzt damit geht?“. Psychische Erkrankungen sind keine Einbildung, keine Schwäche. Sie sind auch kein „Ich-habe-mal-einen-schlechten-Tag“ oder eine Modediagnose, sondern sie können lebensbedrohlich für Betroffene sein. Weil Sie nicht mehr weiterwissen, weil sie verzweifelt sind, eine immerwährende Leere verspüren und Hoffnungslosigkeit ihren Alltag prägt. Weil sie einsam sind, keine Unterstützung erhalten und keinen Zugang zu medizinischer Hilfe finden. Psychische Erkrankungen dürfen nicht abgestempelt werden als mangelnde Belastbarkeit.

Als psychologische Beraterin und Ansprechpartnerin bei meinem Hauptjob zum Thema Gesundheit liegt mein Fokus klar auf Prävention. Atemübungen, Selbstfürsorge, Achtsamkeit und Reflexion spielen für mich eine große Rolle. Und versteht mich nicht falsch, diese Methoden sind erprobt und bilden einen Baustein zur Stressminimierung und Gesundheitsförderung. Achtsamkeit wird in psychiatrischen Einrichtungen praktiziert, Atemübungen haben in Studien gezeigt, dass sie wirksam sind und Reflexion ist auch in einer Psychotherapie unerlässlich, um Verhaltensmuster und Vermeidungsstrategien aufzudecken. Aber so, wie das Entstehen von psychischen Erkrankungen multifaktoriell ist, so ist es auch deren Behandlung.

Wir dürfen als Gesellschaft, als Berater*innen, als Mitarbeiter*innen im betrieblichen Gesundheitsmanagement und vor allem als Menschen nicht aufhören, über psychische Erkrankungen zu sprechen, wenn es unangenehm wird. Wir dürfen nicht still sein, wenn die hässlichen Seiten zum Vorschein kommen. Wir dürfen nicht nur über das sprechen, was sich in den sozialen Medien gut liest. Sondern über das, was die Realität ist. Nämlich, dass Therapieplätze immer noch Mangelware sind, Menschen mit psychischen Erkrankungen oft ausgegrenzt und verurteilt werden und wir als Gesellschaft oft unseren Teil zu deren Verzweiflung beitragen.

Begeht ein Mensch Suizid, ist das nicht egoistisch. Oft fühlen sich diese Menschen minderwertig und möchten ihr Umfeld erleichtern und nicht mehr zur Last fallen. Ein Suizid passiert nicht einfach so, sondern ist von viel Leid geprägt. Das dürfen wir niemals vergessen. Und schon gar nicht verurteilen.

Wenn du schon einmal über Suizid nachgedacht hast oder dich in einer akuten Krise befindest, findest du bei den folgenden Angeboten sofort Hilfe:

Telefonseelsorge 0800 1110111 / 0800 1110222

Notruf 112

Die deutsche Depressionshilfe fasst hier die wichtigsten Informationen zusammen.