Endlos lange To-Do-Listen, Perfektionismus, hohe Ansprüche und zu viele Ideen im Kopf kosten mich oft Energie und sorgen für Unzufriedenheit anstatt Ruhe und das Gefühl, genug zu sein. Als Beraterin kann ich mich davon auch nicht freimachen.
Die vergangenen zwei Jahre hielten für mich viele tolle und spannende Herausforderungen und Errungenschaften bereit – meine Selbständigkeit startete, das erste eigene Haus wurde gekauft und ich entdeckte neue Interessen und Hobbys. All‘ diese Dinge bereiten mir Freude. Doch dazu kommen die alltäglichen Dinge wie Haushalt, Termine, Teilzeitjob, an dieses und jenes denken, Verpflichtungen und To-Dos. Jeder kennt das. Und schwupp, wäre es besser, wenn der Tag nicht 24, sondern 48 Stunden hätte, um alles zu meistern.
Ein weiterer Treiber, der dann dafür sorgt, dass ich hektisch werde, den Fokus verliere und abends total erschöpft bin: Mein eigener hoher Anspruch und Perfektionismus. Dann halten Gedanken wie „Hätte ich diesen Task noch besser bearbeiten können? Hätte ich nicht diese Aufgabe auch noch schaffen müssen?“ mich vielleicht wach und beschäftigen mich zunehmend. Dann ist alles nicht gut genug, der innere Kritiker wird laut und meine Unzufriedenheit nimmt zu.
Viele Menschen kennen diese Gedanken nur zu gut. In meinen Beratungen sind sie immer wieder Thema und dann begleite ich meine Klient*innen auf ihrem Weg, passende Strategien zu entwickeln und ihre eigenen Ansprüche zu hinterfragen.
Man sagt, Berater*innen und auch Therapeut*innen können sich nicht selbst beraten bzw. therapieren und dem stimme ich grundsätzlich auch zu, denn es ist immer sinnvoll, durch eine Außenstehende Person den Blickwinkel verändern zu können und zu wissen „da ist jemand, der ein Stück weit für mich die Verantwortung übernimmt, indem ich Anregungen zur Reflexion erhalte“.
Dennoch habe ich die letzten Monate für mich angefangen, mich selbst zu hinterfragen. Denn ich spürte einerseits, dass ich keinem Bereich mehr richtig gerecht werden und andererseits, wie ich ausgebrannt, gestresst und unzufrieden bin.
Und so war es ein Satz, der mir an einem Sonntag, als mein Mann und ich gerade Fußleisten in unserem Eigenheim anbrachten und merkten, dass diese etwas schief sind, durch den Kopf schoß und zu einem neuen Mantra werden sollte: „80% sind auch gut genug.“
Während meines Managementstudiums habe ich in der Betriebswirtschaftslehre das sogenannte Pareto-Prinzip kennengelernt. Vereinfacht gesagt beschreibt dieses, dass man 80% des Erfolgs mit 20% Aufwand erreichen kann, während die restlichen 20% zur Perfektion enorm viel Zeit und Energie kosten. Übertragen auf meine Situation hat sich daraus die Erkenntnis ergeben, dass diese 20% aufgrund meines Perfektionismus mich einen großen Teil meiner Energie kosten.
Seitdem predige ich mir jedes mal, dass 80% eben gut genug sind. Auf der To-Do-Liste stehen noch Aufgaben? Kein Problem, die meisten habe ich erledigt. Der Haushalt ist nicht fertig geworden? Ist in Ordnung, denn es muss nur noch das Bad geputzt werden, das kann ich auch die Tage noch erledigen. Den Blogbeitrag nur einmal Korrektur lesen? Er ist gut genug und muss nicht perfekt sein, die Leser*innen verstehen auch so, was ich ausdrücken möchte, und er muss eben keine Meisterleistung, sondern ehrlich sein.
Fällt mir das immer leicht? Keineswegs. Spüre ich, wie ich aber mehr Gelassenheit entwickle und mehr Energie habe? Definitiv. Denn mir ist bewusst geworden, dass ich viele Bälle in der Luft halte und damit jongliere – Teilzeitjob, Ehrenamt, Partnerschaft, Haushalt, Freunde, Selbständigkeit und natürlich mich selbst. Und so sage ich mir auch, dass ich nicht immer in allen Bereichen abliefern kann. So ist es aktuell, dass ich meine Kraft in meine Selbständigkeit investiere, denn hier habe ich gerade Freude und klare Ziele – dafür bleibt Sport auf der Strecke. Und ja, man findet natürlich auch immer die Zeit dafür, aber ich genieße lieber die ruhigen Momente abends auf dem Sofa mit einem guten Buch, um meine Akkus aufzuladen. Die Karten mischen sich aber immer wieder neu und so verändern sich auf die Bereiche und wie viel Energie ich ihnen schenken möchte.
Meine 80% sind für inzwischen zu meinen 100% geworden. Meine 100%, die ich geben kann, um meinen Akku nicht auszuzehren, sondern um Kräfte einzuteilen, zufrieden zu sein und meine eigenen Grenzen zu wahren.